Eigentlich hatte ich ja vor, über die Möglichkeiten der verschlüsselten Kommunikation zu berichten. Aber aus aktuellem Anlass widme ich mich vorerst nochmal dem Thema DNS-Sperren, beziehungsweise den “Kinderpornosperren” und unseren lieben Abgeordneten. Die aktuell laufende e-Petition zur TMG-Gesetzesänderung, zählt schon über 60.000 Gegenstimmen. Trotzdem beschloss der oberösterreichische Landtag kürzlich einstimmig, dass der (österreichische) Bundestag Verträge mit Providern abschließen und wie der große Bruder, Deutschland, über einen vergleichbaren Gesetzeentwurf debattieren solle.
Jörg Tauss
Meine Meinung zur geplanten Gesetzesänderung, habe ich ja bereits aus technischer Sicht begründet dargestellt. Interessant finde ich auch die Meinung von Jörg Tauss, der vor einem Wandel hin zum Überwachungsstaat warnt. Tauss behauptet, Hauptanlass für den Gesetzesentwurf sei nicht die Bekämpfung der Kinderpornografie.
“In Wahrheit geht es aber auch nicht um Loesungen bei einem ernsten Problem, wie dem Missbrauch von Kindern, sondern darum, dem BKA kuenftig auch in anderen Bereichen immmer mehr Moeglichkeiten zu geben, in Buergerrechte einzugreifen.”
(Zitat von Tauss auf abgeordnetenwatch.de)
Tauss wird zwar aktuell selbst mit Vorwürfen belastet Kinderpornos konsumiert zu haben, was seiner Meinung nicht gerade Ansehen verleiht. Das BKA hat auf seinem Rechner kinderpornografisches Material gefunden. Allerdings gibt Tauss an, dass er dies verabschäuenswürdig finde, er habe lediglich anlässlich der aktuellen Debatten auf eigene Faust ermittelt. Im Rahmen seiner Ermittlungen gelangen dann die Inhalte, so Tauss, auf seinen Computer. Seit 14 Jahren erklärt er kämpfe er aktiv gegen die Kinderporno-Szene. Tauss berichtet, dass er an Gesetzesänderungen in der Vergangenheit maßgeblich mitbeteiligt gewesen sei, und Erfolge gegen die Vergewaltigung von Kindern erzielt habe. Zwar kenne ich Tauss nicht so gut, als dass ich mir mit Gewissheit ein Urteil über seine Schuld oder Unschuld bilden könnte, was auch nicht meine Aufgabe ist. Allerdings kann ich sagen, dass seine sechs seitige Stellungnahme durchaus plausibel klingt. Interessant und wohl wahr ist in diesem Zusammenhang ist die Aussage Winfried Hassemer’s, des ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts.
“In einer Mediengesellschaft ist oft das Ermittlungsverfahren schon eine Strafe.“
Nachfolgend eine Youtube-Stellungnahme.
Amüsante Politiker, Widersprüchliches
Hier nochmal ein wenig Widersprüchliches:
Laut heise.de behaupten die Grünen in Österreich, dass die Anzahl der Kinderpornoseiten im Internet gestiegen sei. Am 29.04.2009 veröffentlicht die britische Internet Watch Foundation, dass die Anzahl der Kinderpornoseiten im Internet um 10% gesunken sei.
Skandinavische Länder wie Finnland, Schweden und Dänemark, in denen es bereits Sperrlisten gibt, werden von deutschen Sperrbefürwortern gerne als funktionierende Beispiele herangezogen. Von der Leyen behauptet in Schweden würden täglich 50 000 Klicks auf Kinderpornoseiten verhindert. Darüber gibt es jedoch laut Michael Rotert, den Vorstandsvorsitzenden des Verbands der deutschen Internetwirtschaft (eco) keine öffentlichen Statistiken. Im Jahr 2007 versuchte die Schwedische Polizei die Download-Suchmaschine Pirate-Bay auf die Sperrliste zu setzen. Anno 2008 wurde die Seite in Dänemark nach gerichtlichen Anordnungen beim Provider Tele2 auf die Kindepornoliste gesetzt. Im gleichen Jahr landete eine Wikipedia-Seite in Großbrittanien auf den Sperrlisten, was zu größeren technischen Komplikationen führte. Grund für die Sperrung von Wikipedia war ein mit einem Scorpions Cd-Cover verbunder Urheberrechtsverstoß. Björn Sellström, der Chef der Polizeiermittlungsgruppe gegen Kinderpornografie und Kindesmisshandlung in Stockholm, äußert Bedenken zu den Websperren. Gegenüber dem Focus erklärt er:
„Unsere Sperrmaßnahmen tragen leider nicht dazu bei, die Produktion von Webpornografie zu vermindern“
Auch nicht vorenthalten möchte ich euch die Seite von Herr Dr. Wiefelspütz auf abgeordnetenwatch.de auf welcher er seine Kompetenz in Sachen Computer & Internet mit Aussagen wie der folgenden untermauert.
“DNS, TLD, GAGA, GOGO, TRALAFITTI oder was?”
Abgeordneten-Watch
Aufmerksam machen möchte ich an dieser Stelle nochmals auf die bereits erwähnte Webseite abgeordnetenwatch.de welche ich kürzlich entdeckt habe. Diese Webseite hat mir sehr gut gefallen. Hier hat man die Möglichkeiten den einzelnen Abgeordneten Fragen zu stellen. Darüber hinaus kann man sich auch Antworten & Stellungnahmen der Abgeordneten, zu Fragen anderer Nutzer lesen. So ist man in der Lage die einzelnen Abgeordneten besser einzuschätzen und zu verstehen. Zwar muss ein Fragesteller seinen vollständigen Namen preisgeben, um ihn jedoch vor Google zu schützen wird dieser als Grafik, nicht als Text, angezeigt.
Mögliche Maßnamen
Deutlich betonen möchte ich, dass ich die Vergewaltigung und Pornografie von Kindern verabschäue und ein klarer Gegner solcher Straftaten bin. Maßnamen müssen ergriffen werden, allerdings sollten sich diese wirklich gegen die oben beschriebenen Verbrechen richten und nicht gegen die Rechte der Bürger bedrohen. Im Folgenden möchte ich einige Alternativmaßnamen zum geplanten Gesetzesentwurf nennen.
Der IT-Branchenverband Bitkom fordert auf die Erhebung von Ip-Adressen der Stop-Seiten-Besucher zu verzichten. Damit unterstelle die Bundesregierung den Besuchern eine Straftat.
“Das ist sachwidrig und rechtlich bedenklich, da es viele Methoden gibt, einen Internetnutzer ohne dessen Willen und ohne dass es ihm bewusst wird, zur unterschwelligen dauerhaften Abfrage von Webseiten zu bringen.”
Der Gessetzesentwurf solle überarbeitet werden. Anstatt das TMG zu verändern solle ein Spezialgesetz erlassen werden. So könne man den Außnahmecharakter des Gesetzes unterstrichen und eine Ausweitung der Sperren auf Seiten die Urheberrecht verletzen oder anderweitig illegal sind verhindern. Beispielweise glaubt Christoph Fiedler vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger bei einem Verbot von Gewaltdarstellungen könne auch die Kriegsberichterstattung von Sperren beeinträchtigt sein.
Der Münchner Internet-Provider SpaceNet gründete in diesem Jahr ein Forum “Provider gegen Kindermissbrauch im Internet”. Es soll die Polizei finanziell und mit Expertenwissen unterstützen. Provider sollen einen Teil ihres Umsatzes abgeben. SpaceNet legt selbst vor und stellt ein Promille seines Jahresumsatzes zur Verfügung. Ausrüstung, sowie Workshops sollen Ermittlern von diesem Geld finanziert werden. Die DNS-Sperren hält man für ineffizient.
Meiner Meinung nach sollten keine Sperren ohne richterlichen Beschluss verhängt werden dürfen.
Befürworter der Sperren schlagen die Nutzung der in Großbrittanien verwendeten Hybrid-Sperren vor. Man verspricht sich davon mehr Effektivität bei der Sperrung. Die Sperren müssten allerdings mit Hilfe von Proxy-Servern zu umgehen sein. Anders als bei DNS-Sperren wird hier beim Verbindungaufbau überprüft ob die IP des Servers auf einer Liste der verdächtigen IPs steht. Ist dies der Fall wird der Datenverkehr über einen speziellen Proxy des Providers geleitet, der dann die HTTP-Header Daten ausliest. Der Proxy kann nun erkennen welche Seite angefordert wurde und gegebenenfalls eine Stop-Seite zurückliefern.Der Proxy wird eingesetzt um Massensperren von Shared-Webhosting-Servern über deren IP zu verhindern. Dieses System bietet sogar die Möglichkeit einzelne Seiten oder Bilder zu sperren.
Weiterführendes
Eine stets aktuelle und ausführliche Berichterstattung ist auf heise.de zu finden.
Den Aktuellen Verlauf der Petition kann man in der eingebetteten Grafik im Artikel auf frogged.de verfolgen.
Wer sich für das Geschehen im Bundestag interessiert kann sich die Debatte zum Thema sowie die Lesung des Gesetzesentwurfs auf youtube anschauen. Hier der erste Teil der Reihe als Vorgeschmack.
Tags: Internet, Politik, Überwachung
Mai 23rd, 2009 at 2:17 am
moin,
also ist ganz ok geschrieben, allerdings hast du einen ganz wesentlichen aspekt ausgelassen. sofern du es in deinem ersten beitrag gemacht hast, haettest du ihn verlinken sollen, hab ihn allerdings nicht mehr ganz korrekt im kopf:
es ist relativ simple solche techniken zu umgehen, daher fraglich.
des weiteren waehre ein kleiner aber feiner hinweis auf das grundgesetz bei der rechtlichen frage auch net gewesen, der untermauert haette, dass es wahrscheinlich nicht einmal moeglich ist in deutschland so etwas auf die beine zu stellen.
soviel mal von meiner seite
Mai 23rd, 2009 at 2:53 am
Lieber Martin danke für deine Kritik. Dass die Sperren leicht zu umgehen sind habe ich bereits im 1. Artikel der hier auch mit dem Keyword “Meine Meinung” verlinkt ist erläutert. Es reicht die simple verwendung eines anderen DNS-Servers aus. Unter Linux ein Editieren der Datei /etc/resolv.conf unter Windows müsste ein bearbeiten der Netzwerkeinstellungen ausreichen? Bei Windows bin ich mir allerdings nicht so sicher wie bei Linux. Einige Router bieten ähnliche Einstellungen in der Weboberfläche an.
Das Grundgesetz kann man sich unter: https://www.btg-bestellservice.de/index.php?navi=1&subnavi=50 kosten- & portofrei als Buch nach Hause bestellen.
Ich persönlich habe auch damit begonnen es zu lesen.
Wie in den Bundestagsdebatten von der FDP (Video 2) bereits ausgeführt wird ist noch die Gesetzgebungskompetenz des Bundestages zu prüfen. Es wird geäußert die Verbrechensprävention sei Ländersache. Einen entsprechenden Artikel im GG werde ich demnächst für Dich suchen.
P2P Gruppen werden auch nicht von der Regelung erfasst.
Bezüglich der Zensur ist Artikel 5 interessant: http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html
Es wird ja beführchtet dass kritische Meinungen beeinträchtigt sein können oder auch die Kriegsberichtserstattung. Download-Seiten wurden ja bereits im Ausland gespert, bzw die DL-Suchmaschine Piratebay.
Absurd ist es, dass die Behörden im Ausland Seiten sperren, die in Deutschland (einem westlichen kooperativen Land) gespeichert sind ohne angeblich weiter dagegen vorzuegehen. Denke etwas in der richtung habe ich kürzlich auf heise (wenn auch in den Kommentaren) gelesen. Das muss aber nochmal auf Richtigkeit geprüft werden. Es besteht eben auch die gefahr, dass die Polizei anstatt effektiv gegen die Urheber der Kinderpornos vorzugehen die Ermittlung mit einer Sperre abschließt. So sollten Sperren inländischer Seiten meiner Meinung nach gar nicht möglich sein, denn diese kann man nach einem Gerichtsverfahren löschen.
Mai 25th, 2009 at 2:43 pm
[...] 111001101100011010010110111001100101001011100110010001100101 « T-Online vs TCom Kinderpornosperren II. Bericht [...]
Februar 4th, 2011 at 3:34 pm
Kommentar redaktionell gelöscht.
Mit Xrumor müsst ihr mir hier nicht kommen, egal wie viel ihr lobt
November 4th, 2011 at 5:54 pm
Huhu, voll cool endlich wieder neues Material zu lesen hehe der Beitrag ist darüber hinaus ehrlich sehenswert auf den Punkt gebracht… Dankeschön